Von:
Renate Weidauer

e-sonne.de

Ein Ort der Auferstehung: Die große Düne von Mersouga. Die Scheinwerfer der beiden Jeeps schneiden weiße Schneisen in die Dunkelheit: Wüste, nur Sand und Steine – farblos – sind kurz zu sehen, bevor sie wieder von der Schwärze verschluckt werden. Vier Uhr, wir fahren durch die Sahara bei Erfoud, es ist der frühe Morgen des Ostersamstags, wir wollen den Sonnenaufgang in der Wüste erleben.

Die Nacht erstickt alle Laute, bis auf die Geräusche der Wagen, auch unsere Gespräche sind versandet, als wolle keiner gegen das unheimliche Dunkel anreden. Das Gefühl für die Zeit geht uns verloren. Die Fahrzeuge mahlen sich langsam aber stetig durch den Sand, halten schließlich, die Laute der Motoren ebben ab, verstummen. Schweigend kriechen wir von den harten Sitzen, ertasten mit den Füßen den Wüstenboden, den Taschenlampen nur spärlich und punktuell beleuchten. Kälte hängt in der Luft, bemächtigt sich unser. Der Atem bildet weiße Schleier vor unseren Gesichtern.

In einer Reihe, eine Gestalt hinter der anderen, waten wir durch Sand und Dunkelheit. Allmählich sickert sehr sacht etwas wie Helle in die Nachtschwärze, macht sie leichter, aber der Sand wird schwerer und schwerer. Mit jedem Schritt sinkt der Fuß bis an den Knöchel ein, muss wieder angehoben, heraus gezogen und ein Stück vorwärts gesetzt werden, jeder Schritt eine bewusste Tat, voll Mühe. Wo die Füße eindringen, sehe und fühle ich nur trockenen, aber zähen Sand, konturlos, schlammfarben und mühsam zu durchschreiten, eben wie Schlamm. Jedes Korn hat sein Gewicht und rieselt doch, haltlos, aber den Fuß umklammernd. Warum unternehme ich diese Anstrengung, das sich immer wiederholende Einsinken in den Sand, das darauf folgende Herausziehen des Fußes, der nächste Schritt, die Automatik der Wiederholung? Ich scheine nur noch aus diesen roboterhaften Schritten zu bestehen, Schritte, die mich zum Sonnenaufgang führen sollen, Schritt für Schritt.

Es wird langsam heller, verschwommen die Dünen, die sich aus der Dunkelheit schälen, noch immer keine Farben, kein Licht, keine klaren, festen Formen, noch immer keine Sonne. Ihretwegen sind wir hierher gefahren: wir wollen den Sonnenaufgang in der Wüste erleben, auf der „Großen Düne von Mersouga“, am frühen Ostersamstagmorgen. Vorsichtig beginnt die sandige, staubige, dämmerige Welt sich rötlich zu färben. Die Augen heben sich von den weiter stapfenden Füßen, tasten den Dünenrand des Wüstenkessels ab und haften, erschrocken und fragend, an der Linie zwischen Sand und jetzt heller gewordenem Himmel. Unheimliche Schattengestalten werden sichtbar, wachsen aus dem Sand heraus, schwarze Wesen mit Aktentaschen unter dem Arm scheinen auf dem Rand empor zu sprießen, stehen bewegungslos überall im weiten Rund um uns herum, die wir an einer Stelle, aufgereiht, die Dünenflanken hinauf steigen. Alte Vorstellungen brechen auf beim Anblick dieser drohenden, schweigenden Silhouetten. Sind es räuberische Wüstenstämme, die uns umzingeln? Banditen, die es auf Touristen abgesehen haben? Wir tragen kaum Geld mit uns. Was wollen sie? Immer weiter führt uns der Weg nach oben, unter ihren Blicken, zum Kamm der Düne. Die Gestalten nähern sich nicht, stehen nur weiterhin stumm gegen den schnell heller werdenden Himmel. Mühsam atmend vor Anstrengung, die Beine aus Gummi, gefühllos, erreichen wir den Dünenkamm. Der Himmel vor uns hat sich rot gefärbt, immer intensiver wird die Farbe, als brenne dort fern, hinter weiteren Dünenketten der Bachrane (Sicheldünen) ein Feuer.

„Höchstens noch zehn Minuten“ sagt jemand – wir alle warten auf den Aufgang der Sonne, die hinter den unendlichen Sandbergen aus der Nacht auferstehen wird. Die Wüste saugt die Helligkeit, das rote Gold in sich ein. Plötzlich ein Blitzen an der entfernten Linie des östlichen Horizontes, ein schmaler, intensiv leuchtender Bogen erscheint, wölbt sich immer weiter wachsend in den Himmel, blendet jetzt unsere Augen, schiebt sich zwischen die Dünen und steht einen Moment als strahlender, makelloser Feuerkreis auf der Linie des Horizontes, nur einen Augenblick, und erhebt sich mehr und höher über die Erde, unaufhaltsam, ohne Verharren. Die Sonne ist aufgegangen!

Ich stehe noch eine kurze Zeit, lichttrinkend auf dem Kamm, wende mich dann um, kehre der Sonne den Rücken, und mache mich an den Abstieg, mit schmerzenden, weichen Beinen, ohne wirkliche Gewalt über meine Schritte. Das Gehen ist Arbeit, schwer, das Bild, das ich in mir trage, leicht, ein Oster-Geschenk. Nach den ersten Tritten hebe ich den Blick zum westlichen Wüstenrand, dorthin, wo vorher die dunkel drohenden Gestalten standen, und sehe sie ebenfalls in die Senke hinab steigen, nein, nicht steigen, laufen, alle, sternförmig auf uns zu. Wieder das vage Gefühl der Angst beim Anblick dieses unerklärlichen Geschehens. Gleichzeitig erreichen wir alle den flachen Boden des Talkessels – und das Rätsel löst sich: es sind Beduinen, nicht schwarz, nein, farbig gekleidet, in leuchtendes Blau, nicht bedrohlich. Und die Aktentaschen, die die Silhouetten deutlich sichtbar mit sich trugen? Aus dem Blech von Dosen gehämmerte, flache, kofferartige Behältnisse, die sie auffordernd und stolz vor uns öffnen, um ihre Schätze zu zeigen und zum Kauf anzubieten: Versteinerungen der Jurazeit, vorwiegend schwarze Orthoceras, die Tintenfische, fein gemasert, auch Ammonshörner, Donnerkeile, Muscheln, Schnecken, - alle aus dem Wüstensand bei Erfoud ausgegraben, auferstanden nach 20/30 Millionen Jahren, jetzt am Osternsamstag hier in meiner Hand, am Fuße der Großen Düne von Mersouga: auch ein Ort der Auferstehung.